Grenzüberschreitungen im Gesundheitswesen: die neue/alte Normalität
Das Gesundheitswesen wird immer mehr zum Konsumgut. So mindestens stellen es die Medien dar. Sicher ist: Das Gesundheitswesen stösst je länger je mehr an seine Grenzen – personell wie finanziell. Die Ansprüche der Bevölkerung steigen, während die Ressourcen knapper werden. Doch ist die Lage wirklich so schlimm? Und wie soll mit dem Problem zunehmender Grenzüberschreitung umgegangen werden? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Expert:innen an den Trendtagen Gesundheit 2026 in Luzern.
Text: Leandra Kissling / Fotos: Forum Gesundheit Luzern / Meier & Kamer
Ob die Gesellschaft als Ganzes tatsächlich immer anspruchsvoller wird, kann Michael Simon, Direktor des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Basel, nicht sagen, da ihm dazu keine eindeutigen Daten vorliegen. Seines Erachtens könnte diese Behauptung auch als Instrument für eine politisch motivierte Debatte verwendet werden. Nicht zustimmen kann er der Aussage, dass die Notfallstationen aufgrund von immer mehr Bagatellfällen überlastet seien. Seine Berufskollegen, die in diesem Bereich tätig sind, bestätigen zwar, dass immer mehr Menschen die Notfallstation aufsuchen, aber niemand kommt aus Spass oder Langeweile.
Die «Bagatellfälle», deren Zahl in den letzten Jahren grösstenteils konstant geblieben ist, suchen die Notfallstation vor allem auch deshalb auf, weil die Grundversorgung über hausärztliche Praxen aufgrund des Fachkräftemangels nicht mehr gewährleistet ist. Der Grossteil der Patienten:innen ist jedoch krank, was direkt zur Wurzel des Problems führt: dem demografischen Wandel als Ursache für die zunehmende Überlastung des Gesundheitswesens. Dieser wird sich laut Michael Simon in den nächsten Jahren fortsetzen, was heisst, es ist mit einer weiteren Zunahme von Patienten:innen zu rechnen.
Dazu kommt, dass die Menschen immer besser informiert sind und sich aktiver mit Ihrer Gesundheit auseinandersetzen. Etwas, das Gesundheitsfachpersonen und Politiker:innen eigentlich unbedingt fördern möchten. Laut Michael Simon kommt es durch mehr Information und der Auseinandersetzung mit der eigenen Gesundheit jedoch nicht automatisch zu weniger Arztbesuchen, ganz im Gegenteil: Das erhöhte Interesse führt dazu, dass Menschen ihre Symptome besser und früher wahrnehmen und diese dann bei einem Arzt oder einer Ärztin abgeklärt haben möchten, um sicher zu sein, dass nichts Schlimmes dahintersteckt.
Auch die globale Situation hat einen Einfluss auf unser Gesundheitsverhalten. Die zunehmende Unsicherheit führt dazu, dass die Menschen generell weniger bereit sind, Unsicherheiten auszuhalten. Allfällige Symptome sollen also möglichst zeitnah und gründlich abgeklärt werden. Die Frage stellt sich nur: Von wem? Der Fachkräftemangel verschärft sich zunehmend, und viele junge Hausärzt:innen möchten laut Dr. med. Linda Habib, der Co-Präsidentin von Junge Haus- und Kinderärztinnen Schweiz, Teilzeit arbeiten und eine gesunde Work-Life-Balance haben. Dazu kommt ein immer grösser werdender administrativer Aufwand. Aus rechtlichen und finanzierungstechnischen Gründen muss alles bis ins Detail dokumentiert werden, was den Beruf zusätzlich unattraktiv macht.
Einfach mehr Personal ist nicht die optimale Lösung, um mit Überlastungen umzugehen, erklärte Prof. Michael Simon vom Institut für Pflegewissenschaft (INS) der Uni Basel auf dem Podium der TGL
Grenzüberschreitungen als Alltag
Laut Michael Simon gehörten Überlastungen im Gesundheitswesen jedoch schon immer zum Alltag. Das liegt daran, dass es gar nicht möglich ist, den Personalschlüssel für eine Abteilung so zu gestalten, dass er immer optimal ist. Insbesondere in grossen Krankenhäusern gibt es eine hohe Fluktuation bei den Patient:innenzahlen. Das führt dazu, dass mit dem gleichen Personalbestand an einem Tag alles problemlos und mit übrigbleibender Zeit erledigt werden kann, während am nächsten Tag kaum noch Zeit für die notwendigsten Aufgaben ist. Diese Schwankungen seien nicht neu, und sie hätten sich auch nicht grundsätzlich verschärft. Dass sie als gravierender wahrgenommen und auch deutlicher kommuniziert werden, kann Michael Simon jedoch gut nachvollziehen.
Somit ist mehr Personal leider auch nicht die optimale Lösung für die Problematik. Mit mehr Personal kommt es zwar später und somit natürlich seltener zu Überlastungen, aber es wird sie trotzdem immer wieder geben. Diese Erkenntnis wird kaum thematisiert, weder medial noch im Pflegestudium oder als Teil des professionellen Selbstverständnisses. Im Studium lernen die angehenden Pflegefachpersonen viel über optimale Qualität, und wie diese im Alltag gewährleistet werden kann. Was sie nicht lernen ist, was sie machen sollen, wenn der Arbeitsanfall so hoch ist, dass genau diese Qualität nicht mehr gelebt werden kann.
Die dazugehörigen Strategien und Fähigkeiten müssen sich die Pflegefachpersonen im Laufe ihrer Karriere mühevoll selber aneignen, bis ihr Erfahrungswissen gross genug ist, um mit den Überlastungen, die durch die Schwankungen verursacht werden, besser umzugehen. Viele schaffen das. Aber längst nicht alle. Wie die hohe Rate der Berufsabgänger:innen zeigt, gibt es nicht wenige Pflegefachpersonen, die regelrecht daran verzweifeln, dass sie die im Studium erlernte optimale Qualität nicht umsetzen können. In der Folge gehen sie regelmässig über ihre Grenzen hinaus. Dieses Systemproblem gefährdet die physische und psychische Gesundheit der Pflegenden, aber auch die der Patient:innen.
Explizite Priorisierung statt impliziter Rationierung
Doch wenn mehr Personal das Problem nicht löst, was könnte denn dann die Lösung sein? Michael Simon erläutert drei grundlegende Strategien, die helfen könnten:
Erstens fordert er von den Institutionen Transparenz über deren Personalausstattung – also das Zusammenspiel von Bettenauslastung und Personalressourcen. Nicht nur die Institutionen als Ganzes, sondern auch die einzelnen Abteilungen sollen ihren Personalschlüssel klar offenlegen. So können sich Pflegefachpersonen im Voraus darüber informieren, welche Personalsituation sie an einer potenziellen neuen Arbeitsstelle vorfinden werden. Dieses Wissen hilft ihnen, sich für den für sie am besten geeigneten Arbeitsort zu entscheiden. Böse Überraschungen, welche dann zu Kündigungen oder sogar zu Berufsausstiegen führen, könnten so vermieden werden.
Um die stetig wiederkehrenden Wellen der Überlastungen besser abzufedern, brauche es zweitens eine grössere Flexibilität beim Personaleinsatz. Heisst: klar ausgearbeitete Strategien, um sowohl mit Tiefs als auch mit Belastungsspitzen adäquat umzugehen. Das kann bedeuten, dass an gewissen Tagen Minusstunden gemacht werden, welche dann durch Überstunden an anderen Tagen wieder ausgeglichen werden. Das mag auf den ersten Blick zwar belastend erscheinen, kann aber langfristig sinnvoller sein, als wenn sich das Personal an gewissen Tagen langweilt und an anderen dafür unter der Arbeitslast fast zusammenbricht. Es würde sich lohnen, diesen Ansatz vertiefter zu reflektieren, um Lösungen zu finden, die auch für die betroffenen Pflegefachpersonen annehmbar sind und die Work-Life-Balance nicht weiter gefährden. Hier sind Pflegefachpersonen, -management und Personalabteilungen gefragt, um entsprechende Strategien gemeinsam zu entwickeln.
Und drittens einer der wichtigsten Aspekte zum Schluss: Prioritäten setzen. Wie bei hohem Arbeitsanfall Prioritäten sinnvoll gesetzt werden, sollte ein Teil professionellen Handelns in der Pflege und der Pflegeausbildung sein. Es kann nicht sein, dass diese Strategien selbst erarbeitet werden müssen, sondern es sollte dafür Kriterien geben. Auf Notfallstationen kennt man diese Priorisierung bereits: Nicht nur bei hohem Arbeitsanfall, sondern tagtäglich wird triagiert. Es wird also geschaut, welche Patient:innen schneller/dringender versorgt werden müssen, und wer noch etwas länger warten kann.
Dass dies bisher nur auf Notfallstationen standardisiert geschieht, wirkt bei einer vertieften Betrachtung nicht nachvollziehbar. Denn die erwähnten Überlastungen finden ja eben nicht nur auf der Notfallstation statt, sondern generell auf jeder Abteilung des Gesundheitswesens, sowohl in der Akut- als auch in der Langzeit- und ambulanten Versorgung. Mit einer systematischen Herangehensweise, welche spezifisch auf die Bedürfnisse und Ressourcen der jeweiligen Abteilung angepasst ist, können nicht nur Patienten:innen, sondern auch einzelne Arbeitshandlungen priorisiert und so für Entlastungen gesorgt werden.
Es ist laut Michael Simon nicht so, dass es eine solche Priorisierung, die für manche Menschen auf den ersten Blick stossend wirken mag, bisher noch nicht gibt, der Begriff der impliziten Rationierung ist in diesem Kontext geläufig. Nicht-standardisiert und nicht immer nachvollziehbar findet sie unausgesprochen statt, was bei den Pflegefachpersonen auch zu Schuldgefühlen, Ambiguität und Unsicherheit führen kann. Alles Faktoren, die ein Burnout begünstigen können. Statt der impliziten Rationierung plädiert Michael Simon für die explizite Priorisierung, also für klare Vorgaben, welche Schwerpunkte gesetzt werden sollten, wenn die Ressourcen nicht mehr reichen.
«Manchmal kann es entlastend sein,
klar zu sagen, dass es für ein Problem keine einfache
und auch keine schnelle Lösung gibt.»
Obwohl ich zu Beginn des Besuchs der diesjährigen Trendtage Gesundheit dachte, dass ich schon alles über den Fachkräftemangel und die Unlösbarkeit der Problematik weiss, welche mich ja auch persönlich schon jahrelang begleitet, wurde ich durch die spannenden Referate und das aufschlussreiche Interview mit Michael Simon eines Besseren belehrt. Manchmal kann es entlastend sein, klar zu sagen, dass es für ein Problem keine einfache und auch keine schnelle Lösung gibt. Und sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass die Qualität aufgrund der sich stets wandelnden Situation im Gesundheitswesen nicht immer gleich hoch sein kann. Dies ist notabene nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch in anderen Branchen so.
Pflegefachpersonen sollten wissen, dass die Qualitätsschwankungen nicht ihre Schuld und auch nicht ihr persönliches Versagen sind. Genau dieses Wissen könnte durch eine Erweiterung des Pflegestudiums mit den oben genannten Themen erreicht werden. Ich kenne viele Leute, die dadurch unter Umständen vor einem Burnout bewahrt worden wären. Einmal mehr zeigten die Trendtage Gesundheit klar auf: Es ist Zeit für ein weiteres Umdenken im Gesundheitswesen und ein Ausbrechen aus den Grenzen der alten Strukturen.
Autorin:
Leandra Kissling, dipl. Notfallexpertin NDS HF, Praxismanagerin, selbstständig tätige Beraterin
lnr.kissling@gmail.com